Diese Fragen können nicht mit einer einfachen Definition beantwortet werden.
Gothic-Musik ist düster,
melancholisch, manchmal morbid, aber mitunter auch
heiter. Sie kann meditativ sein, aber auch total krachig.
Vielleicht hilft
an dieser Stelle ein kleiner Blick in die Geschichte der Gothic-Musik, die seit
den Neunzigern
einen unglaublichen Boom erlebt, was einige Berichterstatter
mit der Untergangsstimmung zur Jahrtausendwende begründen wollen. Die Vorläufer
der heutigen Gothic- und Darkwave-Musik gab es bereits in den Siebziger Jahren.
Zu nennen sind hier insbesondere die Gruppen Kraftwerk (die Pioniere der
elektronischen Musik
schlechthin), The Velvet Underground, Joy Division,
Bauhaus, Pearls Before Swine, sowie die Einzelpersonen Nico und David Bowie.
Dennoch kann man keine dieser Vorläufer-Bands als (im heutigen Sinne) voll
gothic-mäßig bezeichnen. Die beiden Hauptrichtungen der Gothic-Musik, auch
Schwarze Musik genannt, nicht zu verwechseln mit Black Music (!), entstanden
dann in den Achtziger Jahren. Zum einen der klassische gitarrenorientierte
Gothic Rock, der vor allem durch die Sisters of Mercy geprägt wurde. Hier sind
die Einflüsse David Bowies unüberhörbar. Zum anderen entstand aus der New
Wave-Musik der Achtziger die elektronisch geprägte Darkwave-Musik, wobei vor
allem The Cure und Depeche Mode Pate standen. Darkwave und Gothic Rock bilden
die beiden Hauptstilrichtungen der Gothic-Musik, wobei dies bei vielen Bands
nicht mehr eindeutig zu trennen ist. Eine völlig exakte Definition des Begriffes
Gothic-Musik ist kaum möglich.
Das Problem der Stil-Abgrenzung
Einer der
großen Trends der beginnenden Neunziger Jahre war das Mischen von
Musikrichtungen, auch
Crossover genannt. Dieser Trend machte auch vor der
Darkwave-Szene nicht halt. So verbanden Anfang
der Neunziger Jahre einige
Bands harte Metalriffs mit düsteren Gothic Rock-Klängen und teilweise
Elementen mit aus der Klassik, und schon war eine neue Musikrichtung
geboren: Goth Metal. Die Goth Metal-Leute kommen zumeist aus der Ecke Heavy
Metal, Speed Metal oder Trash Metal, die wiederum Einflüsse aus dem 70er- Hard
Rock und Glam Rock aufweisen. Das führt uns zu der Frage: wo hört Heavy Metal
auf, wo fängt Goth Metal an ? Das Problem wird noch verschärft durch den
Umstand, daß viele heutige Goth Metal-Bands ihre Karriere außerhalb der
Gothic-Szene als simple Black- oder Death Metal Bands begonnen haben. Das
Problem stellt sich nicht nur in Richtung Metal; auch andere Musikrichtungen
haben inzwischen in der Gothic-Szene Einzug gehalten. Anlaß genug, diese
Subgenres einmal aufzulisten.
Die Subgenres der Gothic-Musik
Bevor wir
zur Aufzählung aller Stilrichtungen kommen, möchten wir vor einem möglichen
Mißverständnis
warnen: Die hier genannten Subgenres sind nur grobe
Leitlinien, um sich in der Szene-Musik der Goths
besser zurechtzufinden. Sie
sollten keinesfalls als musikalische Schubladen aufgefaßt werden - zumal die
allermeisten Bands sich nicht eindeutig einer der Richtungen zuordnen
lassen.
Gothic Rock:
Gitarren-orientierter Rock mit düsteren Klängen,
oftmals unter der Verwendung von Drumcomputern entstanden. Wie bereits oben
genannt, sind die Pioniere dieser Richtung die Sisters of Mercy, aber auch die
Fields of the Nephilim.
Goth Metal:
Mischung aus Gothic Rock und Heavy
Metal, oft versetzt mit klassischen Elementen (wie etwa sakralen Orgelklängen).
Beispiele hierfür sind The Gathering und Therion.
Darkwave:
Benutzt
dieselben Grundstrukturen wie die Wave-Musik der Achtziger Jahre, nur erheblich
düsterer. Beispiele dafür sind The Cure und Depeche Mode.
Electro:
Rein
elektronische Musik mit harten Rhythmen, die oftmals stark an Techno erinnert.
Electro wurde maßgeblich geprägt durch die belgische Band Front 242.
Mittelaltermusik:
Musik aus dem Mittelalter, oftmals gespielt auf
historischen Instrumenten. Ein Beispiel dafür ist Estampie.
»Keltische«
Musik- Irish Folk:
Wie bereits der Name sagt: Folkmusik, oftmals irisch oder
allgemein »keltisch« angehaucht. Ein Beispiel dafür ist Loreena McKennitt.
Avantgarde:
Elektronische unkonventionelle, oftmals experimentelle
Musik, die nicht unter Electro eingeordnet werden kann, da sie sich jeder
anderen Einordnung widersetzt. Ein Beispiel dafür sind Kirchohmfeld sowie die
Solowerke von Ernst Horn.
S/M-Musik:
Musik, die als Hintergrund für
S/M-Shows und Fetisch-Performances benutzt wird.Eigentlich keine Musikrichtung
im strengen Sinne, da stark mit dem Electro verwandt. Beispiele hierfür sind Die
Form und Sleep
Chamber.
Neue deutsche Todeskünstler
Musik, die sich
der deutschen Sprache bemächtigt hat und die bitte nicht mit der sog. "Neuen
deutschen Härte" verglichen werden sollte. Beispiele hierfür sind Goethes Erben,
Das Ich, Lacrimosa oder Relatives Menschsein
Neue deutsche Härte
Musik,
die sich der deutschen Sprache bemächtigt hat, teilweise sehr martialisch wirkt
und gerne in das Spektrum der "rechten Bands" gedrängt wird. Beispiel hierfür
sind u.a. "Rammstein".
An dieser Aufzählung kann man bereits gut sehen, daß
der Bereich der Gothic-Musik ein sehr weites Feld ist. Dennoch sei hier nochmals
darauf hingewiesen, daß viele Bands sich nicht eindeutig einer der oben
genannten Richtungen zuordnen lassen. Einige widersetzen sich sogar jelicher
Klassifizierung. An dieser Stelle möchten wir Euch noch auf einen ganz
besonderen Service im Internet hinweisen: Dark Lyrics. Hinter diesem Link
verbirgt sich eine umfangreiche Datenbank für Songtexte aus den Bereichen
Gothic, Goth - "mit allen Endungen" (wie Gothic-Rock, Goth-Metal, ...),
Darkwave, EBM, Electro und mehr...Derzeit (Stand: 11/99) sind über 3400
Songtexte aus 409 CD-Einträgen von 103 Projekten erfasst und online. Gothic's
Culture-Web-Tip ! Die Bedeutungen des Schwarzen finden sich auch in
anderen Elementen des Stils wieder, etwa im Tanz. Dabei ist zuallererst
festzuhalten, daß der "Idealtyp" des Gruftie derjenige ist, der gerade nicht
tanzt. Darauf wird von seiten der Jugendlichen, selbst derer, die gerne in der
Disco tanzen, immer wieder hingewiesen. Die abgrundtief Traurigen der
Gruftie-Szene tanzen nicht, ebenso wie diejenigen, die das "schwarze
Lebensgefühl so richtig" gepackt hat. Denn Tanz ist - darauf weisen die
Jugendlichen hin - immer auch eine expressive Form des Ausagierens, in der
Spannungen gelöst werden und letztlich eine aktiv expressive, lebensfrohe
Artikulationsform. So ist denn auch der Tanz der Grufties eher eine Art
"Anti-Tanz" - sofern hier Verallgemeinerungen möglich sind, denn es gibt
durchaus recht unterschiedliche Formen der schwarzen Jugendlichen sich zur Musik
zu bewegen, und teilweise finden sich auch Tanzformen - wenn diese auch eher
atypisch sind - die gerade im Tanzen das Trauergefühl konterkarieren. Die
verbreitetste "Tanz"-Form ist wohl die des monotonen Vor- und Zurückgehens zur
Musik, ein oft leicht gebücktes, manchmal "schleppendes", in sich gekehrtes und
abwesendes Vor und Zurück.
Exzessive, "wilde", aggressive oder schnelle
Körperbewegungen fehlen eher: Der Tanz ist von daher eher eine Art Trauer-Tanz,
langsam, versunken, schleppend, monoton. Dieser Tanz bringt eher eine starke
Selbstbezogenheit, ja fast eine Isolation und Kontaktlosigkeit zum
Ausdruck stellt etwa Alan zur Musik und Disco fest: "Sieh mal, die Musik
zum Beispiel: Die Lieder, die wir hören, wenn wir in der Disco sind, sind keine
Lieder wie die, die in der Hitparade gehört werden. Keine Lieder, in denen ein
Michael Jackson von irgendeiner tollen großen Liebe oder von der Errettung der
Welt singt. Die Songs bei uns sind eigentlich melancholische Lieder und wenn sie
von einer Beziehung erzählen und von der Liebe, dann auch meistens vom Ende
derselben..." Damit ist bereits ein weiterer zentraler Aspekt des schwarzen
Stils - die Musik der Jugendlichen - angesprochen. So stellt Isis fest: "Musik
ist für mich fast das Wichtigste in meinem Leben. Ich höre gerne Musik und meist
so oft und lang wie möglich".
Lebensgefühl und Musik entsprechen einander:
Wie die Lebenshaltung, ist die Musik eher melancholisch.
Isis und Tanja
beschreiben die Musik, die sie vor allem hören:
Tanja: "Am liebsten also
höre ich düstere Musik, die auch eben zu meiner Einstellung und zum Aussehen
paßt. "
Isis: "Ich für meinen Teil höre auch ziemlich viel Punk, Wave und
Independent und düstere Sachen. Besonders
die Texte gefallen mir. Ich höre
gerne Musik mit viel Bass und ich spiele selbst Bass, weil ich finde Bass ist
ziemlich düster und dunkel, melancholisch irgendwie. Das finde ich
auch gut."
Tanja: "Ich finde auch eben Musik gut, die eine gewisse
Aussagekraft hast. Ich finde, Musik muß eine Aussage
haben. Das, was wir so
hören, das zähle ich unter diese Rubrik: richtige Musik eben, doch mag ich nicht
unbedingt nur das, was gerade so modern ist."
Isis: "Ich meine, ich höre
gerne Lieder, die Geschichten erzählen, die ziemlich traurig. Balladen ohne
happy
ending..."
Tanja: "Ja, die irgendwie auch die Welt ein bißchen
beschreiben..."
Isis: "Andere Musik ist einfach so...naja mehr auf Kommerz
gemacht, finde ich. Popmusik. Wenn du mal darauf
achtest, wirst Du schnell
feststellen, das die Texte alle gleich sind oder die selben Inhalte haben ! Ich
meine, klar, auch in unserer Musik ist das ähnlich. dasselbe Thema, ziemlich
oft. Aber es ist eine andere Form von Thema und auf jeden Fall mit mehr
Tiefgang." In diesen Äußerungen kommen die wesentlichsten Bedeutungen der
"schwarzen Musik", die zum Bereich der Independent-Musik zählt, zum Ausdruck: Es
ist eine Musik, die zum Aussehen, zu Einstellung und Lebensgefühl paßt, eine
"düstere" Musik ohne "happy ending", die die dunklen, problemhaften und
traurigen Seiten des Lebens behandelt und ihnen Ausdruck verleiht. Dem
entspricht bei Isis die Vorliebe für den Bass, als jenem Instrument mit den
dunkelsten und tiefsten Tönen. Diese Musik der traurigen
Geschichten und der
tiefen Bedeutung erscheint als "richtige" Musik, die von der kommerziellen,
marktförmigen Musik abgesetzt wird, die den Schein einer heilen Welt erzeugt.
Lebensgefühl und Musik stehen bei den Schwarzen so in einer Art
Spiegelverhältnis:
Die Musik bringt das dunkle Lebensgefühl zum Ausdruck und dieses kann sich in
der Musik spiegeln und
zum Ausdruck bringen. Wesentlich an dieser Musik ist
ihr "Sinn", die Aussage der Musik. So sind die Musiktexte, die Lied-Geschichten
und sprachlichen Botschaften der Musik für die Jugendlichen besonders wichtig.
Erich
etwa zündet eine Kerze an und läßt sich durch die Texte von "Diamanda
Gala" zum Nachdenken anregen,
übersetzt sie und setzt sich mit ihnen
auseinander. Am deutlichsten wird das Düstere und Melancholische der Musik in
der spezifisch schwarzen Variante der Liebeslieder. Diese "schwarzen
Liebeslieder" gelten den Problemen und dem Ende von Beziehungen und Liebe und
besingen somit die "Liebes-Ruine":
„Auch die Liebeslieder sind oft
eher traurig gehalten. Wenn es sich um Liebeslieder handelt, dann geht es
meist um den Abschieds- oder Trennungsschmerz, die Gedanken danach....um das
Ende eben. Insgesamt ist diese Musik, obwohl je nach Gruppe variierend - so gibt
es etwa im Indi- oder Technosound monoton-maschinenhafte Rhythmen--, eher
"getragen", besitzt keine schnellen und harten Rhythmen, sondern besteht aus
ineinander übergehenden Tönen und Klangcollagen, die Anleihen bei der "Musik des
Erhabenen", etwa bei der Kirchenmusik macht. So stellt Chris zur Gruppe "Dead
Can Dance" fest: „Wenn man die so singen und spielen hört, dann glaubt
man, man ist in irgendeinem Horrorfilm. Das ist Musik, die ist sehr sakral und
sehr aufwendig produziert. Viel Geige und tiefem Bass.". Alle Jugendlichen
finden die Botschaft und Aussage der "schwarzen" Musik "echt" und "richtig",
womit sie zum Ausdruck bringen, daß die Erzählungen und Aussagen der Musik
authentische Erfahrungen der Gruppenmitglieder zum Ausdruck bringen, daß deren
Musik als "wahrhaftiger" Ausdruck ihres Erlebens und Empfindens zu verstehen
ist. Exemplarisch wird die Authentizität und "Ehrlichkeit" der schwarzen
Musik, daß sie für das steht, was die Musiker tatsächlich empfinden und
erleben, an Joy Division veranschaulicht. Der Selbstmord des Sängers gilt als
Manifestation der Lebenshaltung dieser Gruppe, die sich auch in ihrer Musik
symbolisiert: Frank: "Joy Division ist schon etwas besonderes irgendwie. Ich
finde die Texte und die Musik der band sehr ehrlich. Vor allem den Sänger, Ian
Curtis. Man kann sagen, das er vielleicht einfach nur krank war, aber
irgendwie steckte mehr dahinter. Manchen Songs merkt man halt an, das der
Selbstmord als Konsequenz dessen, was er auf den Platten besungen hat,
zwangsläufig folgen musste."
Rob: "Also man hört irgendwie heraus, dass da
eine "gebrochene Seele" hinter steckt und Curtis ziemlich viele Probleme mit dem
Leben hat und sich oft mit der Sinnfrage beschäftigt hat. Auch wenn er sich
nicht umgebracht hätte, wenn alle Stricke reissen, ist das ist dann halt der
letzte Schritt.". Diesen Zusammenhang von Musik, Text, Lebensgefühl und Tod -
der Suizid sozusagen als "letzte Konsequenz" des Lebensgefühls, das sich
authentisch in der Musik artikuliert - veranschaulichen Frank und Rob auch am
Beispiel von schwarzen Jugendlichen, von denen sie - medial vermittelt und durch
Bekannte - gehört haben:
Frank: "Ich kenne auch so eine Platte von (???) .
So heißt die Band. Die machen Songs, Songcollagen und so und
ein Lied heißt
`Christianity is stupid`. Also, da geht es halt um Hauptkritik am Christentum
und an
Amerika. In den USA hat ein Junge die Platte gehört und ist ziemlich
"abgegangen". Seine Eltern waren streng gläubig, der Vater war sogar Priester
und nachdem der Sohn das Lied gehört hat, hat er die Axt genommen und seine
Eltern erschlagen. Das habe ich später erst gehört..find ich faszinierend."
Rob: "Das gab es auch mal hier in Deutschland, so vor drei Jahren war das.
Da haben vier Jugendliche
Gemeinschaftsselbstmord begangen. Der jüngste war,
glaub ich, fünfzehn und die andern ein bischen älter. Die haben beim Sterben
"The Cure" gehört. Also, ich kann es mir unheimlich gut vorstellen, das einem
das dann irgednwie nichts mehr ausmacht. Dieses Vergänglichkeitsgefühl und wenn
dann alles tierisch relativ wird. Es gab auch einen Abschierdsbrief von den
viern... Sehr düster...Stand auch drin, das "The Cure" zum Beispiel für sie ein
absoluter Lebensinhalt gewesen wäre.... Doch, ich kann das schon ganz gut
nachvollziehen". Die Faszination gegenüber diesen Variationen über das Thema
schwarze Musik, Tod, Mord und Selbstmord liegt in der "letzten Konsequenz",
etwas, was "nicht sein muß", so Frank an anderer Stelle, in dem aber doch eine
zentrale Bedeutungsstruktur der Szene - ihre Nähe zu Ende, Tod, Vergänglichkeit
- exponiert zum Ausdruck kommt. Beim Sänger der Gruppe Joy Division ist es die
Stringenz zwischen musikalischem Selbstausdruck, in Form negativer,
melancholisch-hoffnungsloser Texte, und vollzogener Handlung, durch die die
Texte im Nachhinein als endgültig authentische und wahrhaftige Artikulation des
eigenen Selbst erscheinen. Beim Elternmord ist es die Konsequenz, mit der ein
schwarzer Song mit der gewaltsamen "Befreiung" von den Eltern in Zusammenhang
gebracht wird. Diese Szene, wie die ihr entgegen gebrachte Faszination, ist
allerdings ambivalent: Einerseits wird darin das für die schwarzen Jugendlichen
zentrale Thema der Befreiung aus engen, traditionalen oder rigide-religiösen
Familienstrukturen angesprochen, also die Befreiung von einengenden
Familienbindungen und Elternbildern, was in der erzählten Szene in letzter
Konsequenz erfolgt, die dem Zusammenwirken mit der "schwarzen" Musik
zugeschrieben wird. Andererseits wird in dieser Faszination gegenüber dem
Elternmord die eher latente und entthematisierte Seite eigener Gewaltphantasien
und Aggressionen implizit formuliert, die tendenziell auch in den jugendlichen
Darstellungen ihres Familienlebens anklingen, allerdings nicht ausgeführt werden
und im Selbstbild und der Selbstcharakterisierung der schwarzen Jugendlichen als
"friedfertig" gänzlich negiert werden. Die Faszination gegenüber dem gewaltsamen
Elternmord mit der Axt bildet einen scharfen Bruch im "friedfertigen"
Selbstbild, das die Jugendlichen
entwerfen, und ist als Hinweis auf die
latente und entthematisierte Seite - auf das "soziale Unbewußte" -
der
Schwarzen- und Gruftiekultur zu verstehen. Die dritte Szene hat schließlich den
kollektiven Selbstmord
von schwarzen Jugendlichen selbst zum Gegenstand, der
auf das engste mit der Musik von "Cure" in Zusammenhang gebracht wird, die die
Jugendlichen sozusagen aus dem Leben begleitet. Diese Erzählungen variieren das
Thema einer "Todesmelodie": Erstens ist es die musikalisch vorweggenommene--die
in der musikalischen Selbstexpression bereits angedeutete--"Totenklage", eine
Art unmöglicher Nachruf aus der Vergangenheit eines Sängers, einer exponierten
Person der schwarzen Kultur, die gerade darin zum "schwarzen Mythos" wird.
Zweitens die Initialzündung einer "Todesmelodie" zu einer gewaltsamen
"Befreiung", in der die Aggression nicht gegen das eigene Selbst, sondern gegen
signifikante Andere gerichtet wird. Drittens schließlich der Selbstmord von
Grufties, die, von der Musik einer Kultgruppe der schwarzen Szene begleitet, aus
dem Leben scheiden. Diese drei Erzählungen sind natürlich als Mythen- und
Legendenbildungen der schwarzen Jugendlichen zum Thema Musik, Lebensgefühl und
Tod zu verstehen. Aber in diesen Mythen wird die enge Beziehung von Lebensgefühl
und Musik angedeutet, sozusagen eine kulturelle Homologie zwischen
Selbsterleben, Lebensgefühl und Musik, die in der Gemeinsamkeit von Traurigkeit
und Tod zu sehen ist: die Musik sozusagen als Variation
einer "Totenklage".
Allerdings darf aus diesen Erzählungen und Mythenbildungen nicht gefolgert
werden, daß die Musik ursächlicher Auslöser für Suizid, für "Mord und Totschlag"
wäre. Vielmehr bringt die Bedeutungsstruktur
der Musik lediglich das
Lebensgefühl der Jugendlichen "musikalisch" zur Sprache. Es ist vielmehr so, daß
der depressiven und düsteren Musik eine fast "therapeutisch" zu nennende
Bedeutung zukommt. Denn
die Jugendlichen bekämpfen ihre Melancholie, ihre
immer wiederkehrenden Gefühle "ganz am Ende" zu
sein, gerade mit der
düsteren Musik der schwarzen Kultur. Diese bietet ihnen eine Artikulations- und
Verständigungsmöglichkeit, eine kulturell-symbolische Ausdrucksform für ihr
Lebensgefühl und ihre subjektive Realität, auf die sie ansonsten "ausdruckslos"
zurückgeworfen wären: "Ja und bei mir ist das musikmäßig nicht anders. Ich
meine, gerade so in der Situation, wenn ich absolut frustriert bin und alles als
total sinnlos empfinde. Naja, dann kommt depressive Musik am besten. Dann
relativiert sich dieses und jenes, auch wenn trotzdem alles eingestürzt ist. Das
wird dann jedoch total unwichtig, man konzentriert sich halt wieder auf sich
selbst, die eigenen Gedanken.". Erich spricht davon, daß die düstere Musik ihn
eher wieder aufbaut, daß die Musik etwas ist, an dem er sich "festhalten" kann.
Die schwarze Musik erscheint als ein kollektiv artikuliertes und damit kulturell
objektiviertes Selbsterleben, wodurch das isolierte und auf sich
zurückgeworfene Selbsterleben tendenziell aufgehoben und in eine kulturell
artikulierte Ausdrucksform überführt werden kann: „Es gab da eine Situation, in
der ich ziemlich am Abgrund stand. Das zweite mal rausgeschmissen, jobmäßig. Das
war eine Zeit, in der ich wirklich viel nachgedacht hatte, von wegen, wie ist
meine Einstellung oder wie sieht es aus mit meinem Leben, meiner Zukunft ? Ich
habe halt irgendwo die Musik gebraucht, um mich wieder aufzubauen. Das spielt
auch eine Rolle....ich höre mir die düstere Musik nicht an, um noch mehr
"abzusacken", um halt nicht noch depressiver zu werden und rumzuhängen und zu
kiffen und so. Ich höre die Musik nicht, weil ich dadurch noch depressiver werde
sondern vielmehr weil mich die Musik wieder ein wenig aufbaut. Wenn ich jetzt
down bin, kann ich nachdenken.... die Stimmung, die rüberkommt, die Düsternis
hat eine ganz besondere Wirkung auf mich. Oft ist es auch so, dass es mich dann
irgendwie wieder aufbaut, zum Beispiel, wenn ich schlecht gelaunt bin oder
ziemlich am Ende bin. Demgegenüber gibt es auch wiederum Tage, an denen ich zwar
auch ziemlich am Ende bin, aber dann trotzdem keine Musik höre.....na ja, sie
zieht halt schon ein stückweit runter.....".