Es war an einem gewöhnlichen Samstagabend in der Diskothek „Zwischenfall“ in
Bochum. Mein Kumpel Piet und ich saßen zusammen an einem Tisch und warteten
sehnsüchtig auf ein gutes Stück vom DJ, denn der hatte bis zu diesem Zeitpunkt -
im wahrsten Sinne des Wortes - nur Sch.... gespielt und dementsprechend wirkte
dies auch auf unsere Stimmung. Trotzdem fielen uns zwei Typen sofort auf: ein
blonder Mann, Anfang dreißig, Lederjacke, Ledersandalen und ein etwas älterer
Herr in einer braunen mit Fell bestückten Lederjacke, der eine Kamera über die
Schulter hängen hatte. Das Auftauchen dieser beiden atypischen Herren hatte sich
mittlerweile schon herumgesprochen, vielleicht auch nur deswegen, weil die Musik
den meisten nicht gefiel, und sie sich in kleinen Grüppchen in den Nischen und
Ecken verkrochen hatten, um sich dort auf die eine oder andere Weise zu
amüsieren. Die Zeitung war also wieder einmal im „Zwischenfall“. Nachdem sogar
das Fernsehen im letzten Jahr die bekannte Independent-Disco besucht hatte
(RTL), waren auch einige Jugendblätter ausgezogen, um über „Grufties“ zu
schreiben. Das letzte Mal als die Zeitung anwesend war, war es ein Schauplatz
des Bösen, ein Satans-Tempel. Nun, an diesem Abend waren wieder zwei von der
Sorte anwesend und suchten nach neuen Opfern. Wie gesagt, wir saßen um den Tisch
und vegetierten so langsam vor uns hin. Nach etwa einer Stunde klopfte mir
jemand auf die Schulter. Ich drehte mich überrascht um und blickte in die Augen
des mit einem
Fotoapparat bewaffneten Pelzkragenträgers. Er stellte sich
höflich vor und sagte, daß er von der Zeitung
kommen würde. Ich versuchte
ihm klarzumachen, daß er bei mir an der falschen Adresse sei. Aber irgendwie
waren die beiden okay, sie spendierten uns Bier, und wir redeten auch über
andere Dinge. Sie versicherten mir, nicht so einen Mist schreiben zu wollen wie
die anderen, die schon über Grufties geschrieben hatten. Sie wollten eher alles
in die kulturelle Schublade schieben. Kultur? Und wir? Fragte ich und fügte
hinzu, daß dies wohl zwei verschiedene Welten wären. Sie baten mich um ein paar
Fotos. Ich aber erklärte mich hiermit nicht einverstanden. Dann wollten sie zu
mir nach Hause kommen, sich mit mir nur unterhalten, mehr über Grufties
erfahren. Ich glaubte echt, die Jungs seien okay. Sie wollten am folgenden
Montag um 20 Uhr bei mir sein. . .
Und sie waren sogar pünktlich. Wir
unterhielten uns über Gott, naja, und die Welt. Sie erzählten mir, dass sie
schon seit Monaten jemanden suchten, der als Gruftie in einem Sarg schläft.
Bedauerlicherweise konnten sie keinen finden. „Hast Du nicht Lust Dich in
einen Sarg zu legen und fotografieren zu lassen? Wir haben eine
funkelnagelneue Kiste dabei, hinten in unserem Bus.“ Ich konnte es kaum
fassen, das gibt es doch nicht.
Mein Atem stockte: „Ein Sarg, neu,
ungebraucht?“ „Den kannst du behalten, wenn Du Dich reinlegst und Dich
fotografieren läßt.“ Sein Angebot war verdammt verlockend; aber die Gefahr, wenn
diese Fotos dann einmal irgendwann veröffentlicht und ich ausgelacht werden
würde, war groß. Ich stand in einem echten Gewissenskonflikt und haderte mit mir
selbst. Sollte ich nun -oder sollte ich nicht ? Okay, zugegeben, ich wollte den
Preis - den Sarg - haben und suchte nach einem Mittelweg. „Ich setz mich
drauf, nicht mehr.“
Man ging, ohne zu zögern, auf meinen Vorschlag ein. Wir
schleppten also die verdammte Kiste unbeobachtet durch das Treppenhaus, zusammen
mit zahlreichen Lampen und Scheinwerfern. Mein Wohnzimmer war in ein wahres
Fotostudio umgebaut worden. An der Stelle, wo mein Sofa stand, wurde der Sarg
hingestellt. Zwanzig Minuten lang ließ ich das Blitzlichtgewitter über mich
ergehen. Ich machte noch ein paar Angaben und fragte, als die beiden schon an
der Tür standen: „Woher habt ihr sie eigentlich? Kriegt man sie denn ohne
Totenschein überhaupt?“ Die beiden winkten nur mit ihrem Presseausweis. Ich
wußte Bescheid. Den Schock bei meiner Mutter brauch ich wohl nicht zu
beschreiben. Die Gute! Aber auch sie betrat nach einigen Wochen ohne Angstgefühl
meine Wohnung. Zu meiner Überraschung stellte sie sich sogar drauf, um besser
die Fenster putzen zu können. Nach drei Monaten erschien ein Artikel in der
„Ouick“. Wie man nicht anders erwartet, wieder Dinge über Teufel, Tod, schwarze
Messen, Orgien usw. Ein großer Mist ! Wir würden im „Zwischenfall“ wie
"schaufelnde Totengräber" tanzen. Auf zwei Farb-Doppel-Seiten war ich -
auf dem Sarg - zu sehen. Unterschrift: ein Sarg als Bett. Ich kochte vor Wut.
Die Idioten haben geschrieben, daß ich mit meiner Freundin in der Kiste schlafen
würde und das in einer Sozialwohnung. Unglaublich ! Aber es stand dort wirklich
- schwarz auf weiß bzw. weiß auf schwarz. Mein Name und meine Tätigkeit wurde
zwar geändert: Aus Heiko wurde Heino, aus der Metallerlehre wurde ein Hilfsjob
an der Drehbank. Und meine Freundin bekam den Namen der ersten Hure Luzifers:
Lilith, die Mutter des Bösen! (In: Zillo Nr 9, September 1990, S.41)
Artikelübersicht zu Publikationen in den Printmedien:
Artikel
Zeitung / Zeitschrift
"Into the
Gruft"
Jungle World
"Grufties mit Glatzen"
Antifaschistische Nachrichten
"Rechte Grufties on Tour"
Antifaschistische Nachrichten
"Stadtverbot für Punks"
Junge Welt
"Im Auge des Kajal"
Jungle World
"Stripped"
Jungle World
"Die schwarze Szene ist eigentlich bunt"
Frankenpost
"Leb wohl, bunte Welt"
kulturSpiegel
"Gothic: Mord durch Rüschen-Romantik ?"
Stern online
"Mord in der Schulklasse"
Frankfurter Rundschau online
"Party der bleichen Gesichter "
Berliner Morgenpost
"Arena-Glashaus: Elektrobeats in Lack und Leder"
Berliner Morgenpost
"Die Farbe Schwarz"
Berliner Morgenpost
"Millenium"(??) (Original Titel unbekannt)
Pubelle
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